bettina

         strunk

Mein neues Atelier

 

Beim Schreiben der Überschrift verspüre ich ein leichtes Zögern. Ist "Atelier" nicht ein bisschen hochgegriffen? ,Nein', denke ich, ,ich glaube, nicht'. Denn es kommt nicht auf das Äußere an, sondern darauf, was geschieht. In diesem Kellerraum - nennen wir es doch ein letztes Mal beim Namen - erprobe ich mich, gestalte, schaffe und verwerfe ich. Immer und immer wieder.
Ich lese bei duden.de nach. Atelier kommt - wen wundert`s? - aus dem Französischen. Ursprünglich bedeutete das Wort "Haufen von Spänen" und bezeichnete somit die Werkstatt des Zimmermanns. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass das passt. Späne fallen dort ab, wo "gehobelt" wird. Hoble ich nicht irgendwie auch an meinen Bildern, wenn ich die Leinwand zum sechsten Mal überstreiche oder einen Druckstock bearbeite?
Die andere Bedeutung ist "Werkstatt eines Künstlers". Schweiß tritt auf meine Stirn. Ich - eine Künstlerin? Ja, seit kurzem bin ich eine Künstlerin. Beim Lesen des Buches "Der Weg des Künstlers. Ein spiritueller Pfad zur Aktivierung unserer Kreativität" von Julia Cameron kam ich zu der Erkenntnis, dass ich bestimme, ob ich eine Künstlerin bin oder nicht.
Frage mich ruhig: "Bist du eine Künstlerin?" Ich werde antworten: "Ja!" Und wenn du mich weiter fragst: "Warum?" werde ich nur zurückfragen: "Warum nicht?"

In jedem Bild gibt es einen leuchtenden Punkt

Caspar David Friedrich

Ich sitze mit ein paar Freundinnen zusammen. Über die Kunst haben wir uns gefunden und gemeinsam machen wir Kunst – gerade jetzt, in diesem Augenblick. Eine Tasse Tee neben uns oder der Duft des Kaffees sind wichtig. Das Setting muss stimmen. Maria zieht den Teebeutel aus ihrer Tasse, will ihn in den Müll werfen und hält inne. Sie schaut mich an und fragt ganz ernstgemeint: „Oder kannst du den noch gebrauchen?“
 
Diese Frage verdeutlicht wohl, wie meine Kunst geARTet ist: Ich versuche, in allem den „leuchtenden Punkt“ zu sehen. Und deshalb kann ich mich nicht auf eine Form beschränken. Kunst ist für mich, mich auszuprobieren, Material zu begreifen – alles zu verändern. Wenn es sein kann, auch den Teebeutel. Dabei lasse ich mich inspirieren: von Menschen - in meiner Nähe oder aber im Internet -, von der Natur, von Bildern und sogar von Träumen.
Dem Ganzen einen Rahmen geben
Wie oft bin ich mit einer Arbeit unzufrieden? Dabei ist eigentlich alles gelungen. Ich schaue das Bild an, drehe und wende es. Ja, schon, - je nach Position gefällt es mir besser. Doch etwas fehlt. Aber was?
Inzwischen weiß ich, dass es meistens der Rahmen ist, der fehlt. Bereits ein Passepartout macht ein Bild so viel spannender, weil es meinen Blick fokussiert und auf das Wesentliche lenkt - weil es auf gewisse Weise Sicherheit gibt.
„Das Wichtigste in der Kunst ist der Rahmen.“  Das wusste auch schon der amerikanische Musiker Frank Zappa. Aber noch passender finde ich folgendes Zitat des britischen Schriftstellers Gilbert K. Chesterton: „Kunst besteht aus Begrenzung. Das Schönste an jedem Bild ist der Rahmen.“
Letztendlich aber möchte ich das nicht ganz so uneingeschränkt stehenlassen - ganz davon abgesehen sollte das Schönste dann doch immer noch das Bild sein -, denn ein Rahmen kann ein Bild auch einengen. Das Schönste an einem Bild ist also der passende oder oft auch gar kein Rahmen. Aber das hätte sich nicht so poetisch angehört.

"Die Wahrnehmung drängt immer zu Gestalten." Dieter Laue

Beim Spaziergang beobachte ich das wunderbare Wolkenbild über mir. Warum sehe ich eigentlich fast immer als erstes den Elefanten? Warum nicht die Kuh, die Elbphilharmonie oder ein Monokel? Nein, es ist immer der Elefant. Erst, wenn ich ein wennig mutiger werde, kommen andere Assoziationen auf. Nicht alle äußere ich wohlweißlich laut, wenn ich in Gesellschaft bin.

So ist es auch bei den Monotypien und Decalcomanien. Sobald sie vor mir liegen, überlege ich, was ich in ihnen sehe. Ich drehe und wende die Bilder, weshalb es mir selten möglich ist, diese zu signieren. Wo, bitte schön, ist denn oben und wo unten? Weshalb besteht eigentlich der Drang, überhaupt etwas darin sehen zu wollen? Die Antwort finde ich in der Fortsetzung des obigen Zitats von Dieter Laue, einem Kölner Künstler, dessen wunderbaren Unterricht ich eine Weile genießen durfte:

"Die Wahrnehmung drängt immer zu Gestalten.

Die Wahrnehmung vervollständigt Bruchstücke zu Ganzheiten. Und sie erkennt kurioserweise auch dort Gesichter und Figuren, wo keine sind."